Aus dem Buch: “Briefwechsel: 1930-1967″

 

Wolfgang Frommel an Renata von Scheliha

Casa Heimeck, Via Rondonico 43, 6612 Ascona – Tessin

Ascona 24.9.1947

Teuerste Renata: dies Wiedersehen, war es nicht ein unfasslicher Traumwirbel, völlig unwirklich: die enge dunkle Gasse, Ihr Gesicht als Silhouette oben im Fensterrahmen, dann Ihre Augen, Ihr Haar, Ihre oft erinnerte dunkle Stimme, und den Arm um Ihre Schultern die Treppe hinauf in Ihr Zimmer! Und dann irgend ein Gespräch. Nicht zur Verständigung oder Mitteilung – einfach um sich der leibhaften Nähe zu vergewissern, um auch dem Ohr eine Freude zu machen. Die orientalischen Strassenerzähler schicken der eigentlichen Geschichte, bis die Hörer sich gesetzt und gesammelt haben, einen Wirrwarr von Assoziationen und Metaphern voraus, aus dem die Fabel sich dann erhebt. Das nennen sie das Tekerlemé. So was war’s bei uns auch.

Ja, und die Begegnung mit der verehrten alterslosen Siebzigjährigen, und wie eine sanfte wohltuende Bewegung und Strahlung dazwischen die Freundin. Dann Georg Peter (Landmann), und der Gang Stufen hinab irgendwohin durch eine nächtig erleuchtete Stadt in eine fremde Wohnung, an eine festliche Tafel mit köstlichem rotem Wein und erlesenen Gerichten. Eine gastfreundliche besorgte junge Frau, ein schlaftrunkenes blondes Kind in der Tür, das Erscheinen Michael (Landmanns), und der Aufbruch plötzlich und jäh zur Bahn. Alles wie in Tausend und einer Nacht. So musste das ja irgendwie auch sein..

Nun sitze ich hier. Vorläufig zwischen Nebeln und Regen, aber der Balkon ist traubenüberhangen und zwei Schritte vom Haus entfernt ist ein Feigenbaum, den ich täglich besteige. – Ohne Halt sind wir von Bern bis Minusio gefahren. Welch ein Augenblick, mit dem Freund nach zehn Jahren wieder an diesem Ort (dem Grab Stefan Georges) zu weilen!

Für heute nur dies, dass Sie wissen, wo wir sind. Grüssen Sie die Ihren aufs Herzlichste von uns. Ich bin wie stets Ihr Wolfgang

Wolfgang Frommel in wikipedia.de                 castrum peregrini-wolfgang frommel

Auf dem rebenumrankten Balkon im Casa Heimeck, Ascona
 
 
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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Ann-Kathrin
    Okt 10, 2009 @ 01:46:58

    Hmmmmm wirklich sehr schön und romantisch zu lesen……. jedoch fand ich nirgendwo eine Übersetzunge für "Tekerlemé"…schämGrüße Dich ganz herzlich und wünsche Dir noch einen wunderschönen harmonischen Abend liebes Tigerchen!

    Antwort

  2. Red-Softy-Tired-Tiger
    Okt 10, 2009 @ 15:14:18

    Die charakteristischen Merkmale des Tekerlemé sind, eine symmetrische Anordnung bzw. Wiederholung von Momenten, Situationen und Ausdrücken sowie Imitationen, falsche Aussprache, selbstreferentielles Spiel, aus der Rolle treten, die Rolle in der Rolle, der Akt im Akt, Verfremdungseffekte und eine Vermischung von ironischem und groteskem.

    Antwort

  3. Ann-Kathrin
    Okt 10, 2009 @ 16:01:51

    Herzlichen Dank für die Erklärung lieber Basti und den nun wirklich sehr schönen Fotos dazu!:-)

    Antwort

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